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| Garde-Division Winckler (Chronik 1914) |
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| | 5.11.1914: |
1.Garde-Regt.z.F.: „Lage: Noch einmal wollte die deutsche O.H.L. den Versuch machen, den feindlichen Nordflügel zu schlagen, um sich in den Besitz der Kanalküste zu setzen. Als Auftakt sollte der vorspringende Ypernbogen mit der Stadt dem Gegner abgerungen werden. Später wollte man über Poperinghe auf Dünkirchen nachstoßen. Es waren aus der Heimat erhebliche Neuformationen aus Kriegsfreiwilligen heranbefördert und das A.O.K. 4 in Flandern neu eingesetzt worden. Es sollte im Einvernehmen mit dem A.O.K. 6 die Operationen durchführen. Hierzu flossen dem A.O.K. 6 auch die spärlichen Reserven der Westfront, unter ihnen auch unsere Division, zu.“
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| | 5.11.1914: |
1.Garde-Regt.z.F.: „5. November: Die Division Winckler mit den Brigaden Kleist und Gontard (1. u. 4. G.I.B.) sollte Richtung Douai abmarschieren. Um den Abmarsch dem Einblick des feindlichen Fliegers möglichst zu entziehen, wurde das Antreten auf den Nachmittag verlegt, mit dem Erfolg, daß, als wir schließlich abrückten, der feindliche Flieger senkrecht über uns stand. Dem traurigen Douchy weinte wohl keiner eine Träne nach, wohl aber trennten wir uns ungern von der Stellung, die wir aus einem Nichts geschaffen und jetzt als gut ausgebaut dem Nachfolger überlassen mußten. Die in ihr verbrachte, verhältnismäßig ruhige Zeit hatte wenig Verluste gekostet. Man durfte annehmen, daß es nun wieder ernsteren Kampfhandlungen entgegen ging! St[ab]. mit I.[Batl.] bezog in Pronville, II.[Batl.], Füs. und M.G.K. in Mory Unterkunft.“
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| | 6.11.1914: |
1.Garde-Regt.z.F.: „Der Marsch ging dann am 6. November bei schönem, klarem Herbstwetter über Bullecourt - Hendcourt - Lécluse - Ferin nach Douai, wo Unterkunft bezogen wurde, bis auf das I.[Batl.], das in Waziers nächtigte. Der ungewohnte Anblick der hübschen, alten Stadt Douai wirkte erholend auf den aus dem Schmutze des Grabens kommenden Soldaten.“
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| | 7.11.1914: |
1.Garde-Regt.z.F.: „7. November: Bei nebligem Wetter wurde im Regimentsverband von Douai durch die immer mehr den Charakter der holländischen Gegend annehmende Landschaft, an einzelnen Kohlenhalden vorbei, über Pont à Marcq in die Gegend südöstlich Lille gerückt. Man findet gute Unterkunft in vom Kriege noch wenig berührten Dörfern. Hptm. v. Lindeiner wird krank. Hptm. d. R. v. Marschall und Oblt. d. R. v. Tevenar müssen an das 3. G.R. abgegeben werden Hptm. v. Schilling übernimmt das Füs., da Maj. v. Bismarck mit der Führung des Augusta-Regiments beauftragt ist.“
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| | 8.11.1914: |
Kps.Plettenberg: [Arm.Gr.Linsingen/6.Armee/OHL]„Aus dem rechten Flügel der Armeegruppe Fabeck wurde am 8. November die Gruppe Linsingen (Gen.Kdo. II. A.K.) gebildet. Ihr unterstanden das XV. Armeekorps des Generals der Infanterie von Deimling und das neu herangeführte Korps Plettenberg (Generalkommando des Gardekorps mit 4. Infanterie-Division und der Gardedivision des Generalleutnants von Winkler). Dem Rest der Armeegruppe Fabeck wurde der Streifen westlich des von Comines auf Ypern zu führenden Kanals zugewiesen (mit Hollebeke, St.Eloi, Wytschaete und Messines), die neue Gruppe Linsingen hatte zwischen dem Kanal und Gheluvelt in Richtung auf die um Schloß Hooge sich dehnenden großen Wälder anzugreifen“
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| | 8.11.1914: |
1.Garde-Regt.z.F.: „8. November: Weitermarsch östl. Lille vorbei über Lannoy östlich Roubaix und Tourcoing über Wattrelos - Haut Judas - Mouscron auf Lauwe, wo Unterkunft (Füs. in Dronkaard) bezogen wurde. Der Marsch auf den meist gepflasterten Straßen der Vororte von Roubaix war anstrengend für die Kompagnien. Eine uns begegnende, mit enthüllter Standarte zum Feldgottesdienst rückende Eskadron der 2. Dragoner machte uns darauf aufmerksam, daß wir wieder einmal an einem Sonntag auf der Walze waren. Unsere Leute waren guter Dinge, erfreuten sich der Abwechselung und sangen, daß es nur so eine Lust war. In Aelbeke sprach Generallt. v. Winckler die Brigade- und Regimentsführer. Er wies uns auf die Wichtigkeit der kommenden Gefechtshandlung für den ganzen Feldzug hin und verlangte rücksichtslosestes Einsetzen der Führer für das Gelingen des Angriffs. Beim Einrücken unserer singenden, braven Kompagnien in Lauwe beglückwünschte Seine Exzellenz den Kommandeur zu der vorzüglichen Haltung seines Regiments. Nachdem Quartier bezogen war, nahm der Regimentskommandeur das Offizierskorps zusammen und machte es mit dem ehrenvollen, aber schweren Auftrag, den Hauptstoß auf Ypern auszuführen, bekannt. Dabei brachte er zum Ausdruck, daß er genau wisse, daß er sich auf jeden einzelnen seines Regiments verlassen könne. Anschließend vereinigte ein gemütliches Zusammensein, zum erstenmal seit dem Ausrücken aus Potsdam, die Kameraden bei einem Glase heimatlichen Bieres. Für viele sollte es der letzte Kasinoabend sein. So ist die Erinnerung an jene wenigen Stunden im Kameradenkreise für alle Überlebenden besonders wertvoll. Manchem lieben Jungen hat man dort beim Scheiden zum letztenmal die Hand gedrückt. Unser alter Kriegsfreiwilliger, Rektor Kreichelt aus Berlin, über 60 Jahre alt, wurde für Tapferkeit vorm Feinde zum Vizefeldwebel befördert. Zwei Tage darauf sollte dieser prächtige, von heiliger Vaterlandsliebe durchdrungene Erzieher der Jugend, unerschrocken auf der Brustwehr knieend, einer feindlichen Kugel zum Opfer fallen.“
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| | 9.11.1914: |
1.Garde-Inf.Brig.: [Garde-Div.Winckler/Kps.Plettenberg/Arm.Gr.Linsingen/6.Armee/OHL] „Die Division Winckler bei Ypern. Frische Divisionen wurden aus den anderen deutschen Fronten herausgezogen und als Heeresgruppe Linsungen in die bei Ypern tobende Schlacht geworfen. Es waren dies das XV. A.K. und das Korps Plettenberg, das aus der 4. Inf.Div. und der Division Winckler — General v. Winckler war bisher Kommandeur der 2. G.Inf.Div. gewesen — neu gebildet wurde. Die Division Winckler bestand aus der 1. G.Inf.Brig. (1. und 3. Garde-Regt. z. F.), der 4. G.Inf.Brig. (Regimenter Franz und Augusta), einer G.Felda.Brig. (1. und 2. G.Felda.Regt.), 1. und 3. Eskadron 2. G.Ulanen-Regt. und der 2. Komp. G.Pi.Batls. Wie hoch selbst englische Zeitungen damals über den Angriffsgeist dieser Truppen dachten, werden wir aus einem der nachfolgenden Berichte ersehen. Im Auftrage des Generalstabes des Feldheeres wurde noch während des Krieges eine Darstellung der sich bei Ypern entspinnenden Kämpfe der Division Winckler herausgegeben. Wir entnehmen ihr die nachfolgende Schilderung über den Angriff der 1. G.Inf.Brig. gegen den Nonnen-Busch und den Polygon-Wald: ‚Lange bevor die Division in unmittelbare infanteristische Berührung mit dem Feinde kam, mußten beim Anmarsch tiefe Räume im feindlichen Artilleriefeuer durchschritten werden. Die Selbstachtung und die eiserne Disziplin der Garde-Regimenter sorgten dafür, daß die Verbände in bester Ordnung durch das Höllenfeuer hindurchkamen.’“
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| | 9.11.1914: |
1.Garde-Regt.z.F.: „Am 9. November: Um 80 vorm. überschreitet Regiment Prinz Eitel Friedrich die Lys bei Wevelghem in dickem Nebel und erreicht, um Menin herum marschierend, Gheluwe auf der Chaussee nach Ypern. 110 vorm. wird dort gerastet. Der Brigade-Kommandeur gibt den Angriffsbefehl bekannt. Nachdem das Regiment verpflegt ist, erwartet es den Einbruch der Dunkelheit, um, von Führern geleitet, die Truppen vorderer Linie, stark zusammengeschossene junge württembergische und sächsische Regimenter, bei Regen und Sturm abzulösen. Die Division Winckler sollte den Hauptstoß auf Ypern ausführen und dazu rittlings der Straße Menin - Ypern bei Gheluvelt eingesetzt werden. Die 1.G.I.B. kam nördlich der Chaussee, die 4. südlich in Stellung. Im Süden schloß sich die 4. I.D. an, die mit der Division Winckler zusammen das Korps Plettenberg der Armeegruppe Linsingen bildete. Für den 10.11. war ein Angriff weiter südlich beim XV. A.K. angesetzt. Bei unserer Division sollte der Tag zu Erkundungen benutzt werden, während die Artillerie sich einschoß. Die Durchführung des Angriffs war für den 11.11., 100 vorm., in Aussicht genommen. Am Abend gingen Stab, I. und II. über Köhlberg*] auf Gheluvelt vor, bogen auf der Chaussee nach Becelaere ab, die Höhenkante des Dorfes vermeidend, und gelangten an der Bahn entlang über Gut Scheriabecke in die vordere Linie südöstlich Veldhoek. Die Ablösung in dem unübersichtlichen, mit vielen Gräben durchzogenen Gelände war in der dunklen Nacht und wegen der Nähe des Feindes sehr schwierig. Es gelang jedoch, bis zum Morgengrauen die Stellung von Teilen der R.I.R 240, 247, 248 und Res.Jäg. 26 zu übernehmen. Der Stab blieb in Scheriabecke. Füs. wurde Armeegruppen-Reserve in Köhlberg.“
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| | 9.11.1914: |
1.Garde-Regt.z.F.: Unteroffizier der Reserve Karl Willnitz, Führer der 1. Gruppe, 1. Zug, 9.Komp./1.Garde-Regt.z.F., erinnert sich: „Ypern. Wieder einmal sind wir, durch dichtesten Nebel behindert, auf dem Marsche zur Front. Da keiner weiß, wie weit von ihm entfernt der Nachbar marschiert, auch niemand Lust verspürt, sich in den grauen Todesschleiern zu verlieren, quasselt plötzlich alles laut durcheinander. Wenn ich das brauende, wallende Luft- und Wassergemisch um uns her mit Todesschleier bezeichne, so stimmt dies schon. In den tollsten Formen gaukelt es jetzt durch die Lüfte, scheint hier zu locken und dort zu drohen, daß man dauernd im Zweifel sich befindet, ob man nun fliehen oder dem Spuke folgen soll. Am besten wäre es schon, wenn wir an den Kommißstiefeln für solche Tage Fühlhörner hätten. Da könnte es nicht geschehen, daß wir bei jedem zweiten Schritt in Löcher treten, uns an Hindernissen aller Art den Schädel einrennen und wie die Besoffenen ins Ungewisse torkeln. Da wäre es vielleicht sogar möglich, vor der ekelhaften, feuchtkalten Zudringlichkeit dieser Spukgestalten Schutz zu finden, den Burschen heimzuleuchten, die es sogar verstehen, uns jedes Wort von den Lippen wegzustehlen. Tatsächlich spricht man wie gegen eine Wand, gegen ein Etwas, das durchlässig ist und nichts zurückgibt, was es einmal in sich aufgenommen hat. So ist auch möglich, daß ein Befehl, der von der Spitze unserer Kompanie durchgegeben wird, urplötzlich verschwunden ist. Aus dem Gemurmel, welches uns endlich doch erreicht, entnehmen wir, daß unsere Marschrichtung Flandern heißt, daß es nach Ypern geht, in dessen unmittelbarer Nähe sich eine große Schlacht entwickelt. Einer, der immer etwas später als wir andern alles begreift, flucht plötzlich ganz gottsjämmerlich in das Gelände: ‚So ein Mist verdammter. Gerade morgen sollte ich in Urlaub fahren. Nun ist es aus mit dem 14er Zwetschgenwasser (als Schwabe liebte er dieses Göttergetränk über alles). Von Ypern kommt keiner wieder, keiner, der einmal dahingerochen.’ Tatsächlich hat sich in letzter Zeit der Name Ypern immer mehr als besonders blutiger Brennpunkt des Kampfes im Westen aus dem Inhalt der Heeresberichte herausgeschält. Pech für uns, daß auch wir wieder dabei helfen müssen, die Karre weiter nach Westen zu schieben. Nicht alle kauen jedoch mit ihren Schneidezähnen Unterlippe. Einer erzählt im Gegenteil voller Freude, wie er gelesen habe, daß jeder Soldat der Front sogenannte Gefechtsspangen erhalte, auf denen eingraviert sei, an welchen Schlachten er mitgefochten habe. ‚Mensch ... da gönn’se uns nich verschieben“, sagt Berger, der einzige Sachse meiner Gruppe, zu mir, „das sin keene Gulaschorden, die mir da kriegn. Das sin welche, die nach Feier (Feuer) stinkn, ganz gleich, ob’s nu in Reims, Chalons, Paris oder och in Ypern geknistert hatt’.’ ‚Dämlicher Hund’, brummt der Berliner Kutzke, ‚det wat de da erzählst, globt doch keen Schwein. Wenn det nämlich wahr wär, wat de da quasselst, denn müßten se uns doch untern Christbom statt der Pfeffernüsse dies Jahr eene Büchse Opalin (Putzpomade) lejen, zum Putzen für det Zeich, wat se uns bis dahin an de Weste kleben.’ ‚Holzkreuze werden mit Firnis angestrichen’, meint Oldenkott, der lange Tübinger Student, ‚ich spüre es schon vierundzwanzig Stunden in den Knochen, daß es bald wieder losgehen wird’, fügt er hinzu und versinkt wieder in sein altes Schweigen. ‚Ha .... ha ... ha.’ Das Lachen der Gruppe vor uns geht in ein merkwürdig polterndes Geräusch über. Erfahrungsgemäß liegt dann immer ein Fluß vor uns. Die schwankenden Holzbohlen unter den Füßen lassen uns hinüber- und herübertaumeln. Das hohle Glucksen unter unseren Stiefelsohlen hört sich an, als ob viele Meter unter uns Hohlräume sich befänden. Keiner ahnt, daß es die Lys bei Wevelghem ist, die wir jetzt überqueren, dieses Wasser, das wir trotz aller Bemühungen nicht sehen können und schon die Ehre hatte, in den Kriegsberichten erwähnt zu werden. Ekelhaft sind die dicken Wassertropfen, die uns bei dem nach vorn gebeugten Körper vom Rand der hinteren Helmschiene in den Hals laufen. Nicht einmal abwischen kann man das Gerinnsel. Wer es dennoch versucht, holt sich blutige Pfoten. Auf jedem Tornister schaukelt seit Stunden eine Rolle Stacheldraht, die man uns „hinten“ verabreicht hat. Wenn ich nicht genau wüßte, daß es wirklich Stacheldraht ist, so würde ich glauben, der Teufel säß mir im Genick oder zumindest auf dem Buckel und zwicke mich von Zeit zu Zeit mit seiner sogenannten Höllengabel. ‚Für alte Krieger eine Kleinigkeit, so etwas nach vorn zu bringen’, hat der Spieß bei unserem Abmarsch zur Feuerlinie gesagt. Wenn der eine Ahnung hätte, wie zehn Pfund Mehrgewicht nach sechs Stunden Tippeln auf dem Ast drücken, was es für Kratzer gibt, bis wir dazu kommen werden, in der Stellung diese widerspenstigen eisernen Igel in den Dreck zu knallen. Stacheldraht. Auch so eine Erfindung, die den Krieg nach Meinung solcher, die es bestimmt auf dem Papier ausgerechnet haben, rasch beenden soll. Ob sie sich auch darüber im klaren sind, wieviel Blut es geben wird, wenn wir das Gelumpe um unsere Gräben häkeln sollen und der Feind sich bemüht, uns den Lebensfaden dabei abzuschneiden ? ? Mein Nachbar zur Linken fängt jetzt auch an zu schimpfen. Merkwürdig, bisher hat er es besser gehabt als wir. Beim Zuteilen der Frontbagage war es sein Kniff, statt der kreuzweise gereihten Stacheln eine Drahtschere zu schnappen. Die hat aber jetzt auch ihre Mucken und baumelt ihm plötzlich bei dem Schaukeln dauernd zwischen den Beinen herum. Jetzt flucht er gar wie ein Fuhrknecht, als ihm eine Haltestrippe ausgerissen ist und er das ‚blöde Stück Eisen’ nicht wegwerfen kann. Der Berliner gibt ihm noch mehr ‚Zunder’. Eigentlich hätte er die Zange tragen sollen, so meint er gelassen, als man ihm aber vertraulich ‚gestochen’, daß jeder, der eine Schere trüge, bei Gefangennahme von Franzosen und Engländern erschossen werde, habe er mit dem Schreibstubenbullen eine Zigarette geraucht, und nun sei eben ein anderer sicherer Todeskandidat geworden. Als in diesem Augenblick jemand mit den Zähnen knirscht, wissen wir, wer es ist. Und daß dieser Jemand bei nächster Gelegenheit sich von besagtem Stück Eisen trennen wird, ist auch eine Gewißheit für uns, auf die wir gern eine Löhnung verwetten würden. Aus dem Tal der Lys geht es langsam wieder aufwärts zur Höhe. Da die Chaussee restlos zerschossen ist, wird der Weg immer schlechter und für uns beschwerlicher, weil wir einmal rechts und einmal links um große Trichter herum durch tiefe Chausseegräben laufen müssen. Den Zangenträger hat es jetzt hundertprozentig beim Wickel. Nicht nur seine Waden, sondern auch die Schienbeine sind ihm jetzt grün und blau geschlagen. Wer es von uns anderen sieht, wie in diesem Kampf der Beine und Holme die letzteren immer Sieger sind, hat durchaus kein Mitleid mit ihm. Im Gegenteil, es sind so nebenbei hingeworfene Worte, die scheinbar niemandem gelten und doch den ‚Stacheldrahtbefreiten’ in immer größere Wut bringen. Zu spät lernt er einsehen, daß man auch im Leide teilen muß und nicht immer der erste beim Ergattern eines Vorteils vor den anderen sein darf. ‚Der macht das ja doch nur mit Absicht’, geht es schon wieder los, ‚damit er ins Lazarett kommt.’ Und ein anderer: ‚Hier hat keiner Angst vor dem ,Changel‘ von wegen stehend freihändigem Heldentod.’ ‚Legt an, Feuer ...’ ‚Leb wohl, mein Land Tirol ...’ Ich muß mir das Lachen verbeißen, um nicht gerade herauszuplatzen. Ruhe wird erst, als wir in dem kleinen Nest Gheluwe zur Rast kommen. ‚Gheluwe’, sagt einer, ’das liegt doch bei Ypern.’ ‚Na klar’, sagt der Sachse darauf, ‚ich hab’s eich ja gleich gesagt, daß wir eene Spange von Ypern schnappen wern.’ „Eine für deine Schandschnauze wäre besser“, höre ich noch sagen, dann ruft uns ein Kommando zusammen, und wir erfahren, was ‚Takko’ (Tageskriegsbericht des Armeeoberkommandos) ist. Zum erstenmal geschieht es, daß der Brigadekommandeur den Angriffsbefehl und eine gewisse Gefechtsübersicht auch uns Soldaten bekanntgibt. Sobald es dunkel wird, sollen wir junge württembergische und sächsische Regimenter vorn ablösen und, wo dies nicht möglich ist, deren Reihen zu verstärken suchen. Sie liegen schon seit vier Tagen unter Trommelfeuer und sollen große Verluste haben. Durch die dichte Feuerkulisse des Feindes ist es bisher nicht möglich gewesen, eine Verbindung mit ihnen herzustellen. Wir werden also in durchaus ungewisses Gelände stoßen und versuchen müssen, in der Nacht eine zusammenhängende Linie unserer Front wiederherzustellen. So meint der Herr Brigadekommandeur. Da wir bereits zwischen den Worten zu lesen verstehen, auch unsere Artillerie ununterbrochen unter Schnellfeuerbefehl steht, wissen wir nur zu gut, was die Glocke geschlagen hat. Unsere Aufgabe wird es sein, wie so oft schon den Hauptstoß zu führen und mit fliegenden Fahnen den Feind zu überrennen. Tatsächlich wird auch den Offizieren noch vertraulich mitgeteilt, daß der Angriff Ypern gilt und der Ort ohne Rücksicht auf Verluste in Besitz zu nehmen ist. Sogar die Zeit hat einer der Unseren mit einem besonders langen Ohr erhorcht. Am nächsten Morgen 8.01 Uhr soll es aus den Gräben gehen und die Artillerie bis 8.03 Uhr das Vorgelände noch einmal abkämmen. ‚Weggetreten.’ Jetzt faßt keiner unsere Stimmung besser in Worte als ein unbekannter Kamerad, der irgendwo im Hintergrunde trocken meckert: ‚Sonderbefehl der Kompanie ... Holzkreuze werden in der Stellung empfangen.’ Zeit, über das Gehörte nachzudenken, bleibt nicht. Wir müssen schon wieder an die Gewehre und von der Dorfstraße herunter, weil jetzt weitere Reservegeschütze unserer braven ‚Ari’ als Verstärkung nach vorn gehen und wie die wilde Jagd an uns vorüberpreschen. Ihre Munitionswagen sind über und über mit farbigen Granaten gefüllt. Wahrscheinlich sind es Spezialsorten, von denen wir schon allerhand Wunderdinge hörten, sie selbst aber noch niemals zu Gesicht bekamen. ‚Ohne Tritt marsch.’ In dem schlammigen Boden geht es im Gänsemarsch weiter, bis uns ein ausgebauter Schützengraben aufnimmt. Es ist die sogenannte dritte Stellung, in der wir uns vorwärtsschlängeln. Man hat sie für zurückflutende Truppen vorgesehen, falls unser Stoß erfolglos bliebe. Also auch mit der Möglichkeit des Scheiterns unserer Aufgabe rechnet man schon. Dies kannten wir bisher noch nicht. Es muß schon allerhand da vorn los sein, wenn man sich höheren Ortes in dieser Form sogar rückversichert. Bis zum letzten Grad diese Neuheit auszudenken, gelingt uns trotzdem nicht mehr. Die meisten sind schon im Stehen eingeschlafen. Wir anderen, die wir noch Zeit und Platz genug finden, uns auf die Erde hinzupacken, sind einen kleinen Augenblick später auch eingeschlummert. Als Posten durch die Gänge laufen und uns wecken, staunen wir, daß es mittlerweile völlig dunkel geworden ist und sogar schon ein paar eigenartig fahle Sterne am Himmel hängen. ‘Hummel ... Hummel ...’, ruft plötzlich ein Hamburger, ‚wir sind schon auf der Hammelwiese. Wenn’s hier noch Köm und Brunbeer gibt, dann will ich sogar auf eine Reeperbahn verzichten.’ Sein Witz von der Wiese ist gar nicht so unwahrscheinlich. Ist doch die Erde ringsum völlig verschwunden, in dicke Bodennebel gehüllt, über die nur unser Kopf hinausreicht. Ein Wattemeer scheint vor uns zu liegen, ein großer See das ganze zu sein, auf dem nur die Schiffe fehlen und das Tuten der Sirenen, ohne das ein Hamburger Jung sich Wasser nicht denken kann. Ein Wunder für viele, die nie auf einem Berge gestanden haben und dieses seltene Naturschauspiel nicht kennen.“
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